Am Eingang der Domaine steht «Trois Filles», und aus dem Pünktchen über dem i wird im Logo eine Blume. Dasselbe Zeichen sitzt am Türrahmen. Das Haus dahinter ist rosa gestrichen und sticht aus dem Grün heraus wie ein Marshmallow auf der Wiese.
Man kann das für Dekoration halten. Es ist die Ansage.
Drei Töchter, ein Vorschlag
Les Lauves ist ein Ortsteil von La Cadière-d'Azur, benannt nach den grossen Kalksteinplatten, die dort aus der Landschaft ragen. Zwischen alten Olivenbäumen und Ginsterbüschen bauten Madame und Monsieur Arlon jahrelang Reben an, auf neun Hektaren mitten in der Appellation Bandol. Die Ernte ging an die Genossenschaft. So lief das, Jahr für Jahr.
Ihre drei Töchter wuchsen im Rhythmus der Lese auf. Audrey, die Älteste, studierte Landwirtschaft, ging für drei Jahre nach Chile und nach Bordeaux und wurde Kellermeisterin auf einem Gut in Bandol. Sie war es, die den Eltern vorschlug, den Wein selbst zu machen statt die Trauben abzuliefern.
2013 wurde das Gut rosa gestrichen und «Trois Filles» getauft. Léonie stiess ein Jahr später dazu, sie hatte sich auf Lebensmittel spezialisiert. Justine, die Jüngste, studierte da noch.

Das Gut in Les Lauves. Man findet es auch ohne Navi.
Was sie anders machen
Der Weinberg liegt an einem Hang mit Blick aufs Mittelmeer. Die Beeren schauen beim Reifen den Segelbooten in der Bucht von Les Lecques zu, und die Lage schützt sie so gut, dass ihnen weder Nebel noch Frost noch der Mistral etwas anhaben.
Gelesen wird früh am Morgen, damit die Beeren keinen Temperaturschock bekommen, von Hand und in kleine Kisten. Danach müssen sie nicht mehr weit: Die Arlons haben ihren Keller in den Hang gebaut, direkt ins Gestein des eigenen Weinbergs. Die Trauben folgen der Schwerkraft und fallen in die Presse, ohne dass jemand sie umpumpt. Der Keller hält konstant 14 bis 16 Grad, ohne Klimatechnik.
Und weil das Haus rosa ist, sind es die Flächen im Keller auch. Pflaumenrot und pink lackiert. Wer bis dahin dachte, die Farbe sei Zufall, weiss es spätestens dort besser.

Audrey im Keller. Der Teil des Berufs, den keine Etikette zeigt.
Zwei Rosés, zwei Aufgaben
Die Schwestern füllen zwei Rosés ab, und der Unterschied zwischen ihnen ist kein Qualitätsgefälle, sondern eine Rebsorte.
Der Côtes de Provence besteht zu 60 Prozent aus Grenache, dazu Cinsault, Carignan und 5 Prozent Mourvèdre. Er ist der leichtere der beiden, gemacht für den Moment, in dem die Flasche aufgeht und alle draussen sitzen. Als wir 2019 unser erstes Millésime-Heft machten, war genau dieser Wein unser Wein des Monats Mai, mit der Empfehlung, das Heft bei einem Glas davon zu lesen.
Der Bandol Rosé dreht das Verhältnis um: 60 Prozent Mourvèdre, dazu 25 Prozent Grenache und 15 Prozent Cinsault.
Mourvèdre reift langsam und braucht Hitze bis in den Herbst, weshalb sie in den meisten Gegenden gar nicht rechtzeitig fertig wird. In Bandol schon. Als rote Sorte bringt sie Tannin und Struktur mit, und in einem Rosé merkt man das an einer Stelle, an der man es nicht erwartet: nicht am Anfang, sondern am Ende. Der Wein hört nicht nach zwei Sekunden auf.
Deshalb hat der eine Wein den Apéro und der andere das Essen. Beide aus demselben Keller, von denselben Händen, im selben Jahr gelesen.

Zwei der drei Schwestern. Der Traktor ist älter als das Weingut.
Wie der Bandol schmeckt
Im Glas sehr blass, fast durchsichtig mit einem Hauch Lachs. In der Nase Pfirsich, Zitrus und etwas Exotisches, das an Mango denken lässt.
Am Gaumen zuerst die Frucht, dann eine Salzigkeit, die nicht behauptet, sondern da ist. Und am Schluss diese Länge. Das ist der Mourvèdre.
Audrey selbst empfiehlt ihn zu Risotto mit Jakobsmuscheln. Das trifft es gut: Der Wein verträgt ein Gericht mit Substanz, ohne es zu überfahren. Genauso funktionieren gegrillter Fisch mit Kräutern, Poulet vom Grill oder Ziegenkäse.
Ein Hinweis, weil er bei diesem Wein wirklich etwas ändert: nicht zu kalt trinken. Bei sechs Grad legt sich die Kälte über alles, was ihn ausmacht. Bei zehn bis zwölf öffnet er sich. Eine halbe Stunde vor dem Essen aus dem Kühlschrank, nicht aus dem Eiskübel.
Wenn du tiefer einsteigen willst
Wir führen neben Trois Filles zwei weitere Bandol-Güter. La Suffrène geht mit 45 Prozent Mourvèdre breiter und runder an die Sache, Cédric Gravier hat das Gut 1996 mit 23 Jahren übernommen. Gros'Noré ist mit 54 Prozent Mourvèdre der strengste der drei, und Alain Pascal hat die Domaine nach dem Tod seines Vaters mit eigenen Händen gebaut. Unser Bernhard sitzt seit über zwanzig Jahren regelmässig bei ihm am Tisch.
Alle drei stehen in Sommer & Rosé, und wer sehen will, wo die Leute hinter den Flaschen sonst noch arbeiten, findet sie auf der Winzer-Übersicht. Wie steile Lagen einen Wein prägen, haben wir an der Ribeira Sacra auseinandergenommen.
Am meisten lernst du aber immer noch, wenn du die beiden Rosés der Schwestern nebeneinanderstellst. Gleicher Keller, gleiches Jahr, zwei verschiedene Aufgaben. Danach schmeckst du Mourvèdre auch dann heraus, wenn niemand dir sagt, dass er drin ist.