Ribeira Sacra: Was heroischer Weinbau wirklich heisst
Von Alfred Widmer
Es gibt einen offiziellen Begriff für Weinbau, bei dem die Maschine nicht mehr hochkommt: heroischer Weinbau. Das klingt nach Etikettenprosa und ist trotzdem eine Definition mit Kriterien.
Seit 2011 vergibt CERVIM, ein Forschungszentrum für Bergweinbau, ein eigenes Siegel dafür. Die Bedingungen sind nüchtern: Hangneigung über 30 Prozent, Lagen über 500 Meter, Terrassenbau, oder Weinbau auf kleinen Inseln. Wer eines davon erfüllt, arbeitet heroisch. Die Ribeira Sacra erfüllt mehrere gleichzeitig, und das seit rund zweitausend Jahren.
Ein Canyon, in den jemand Wein gepflanzt hat
Die Ribeira Sacra liegt im Süden Galiciens, dort wo sich Sil und Miño tief in den Fels geschnitten haben. An den Wänden dieser Schluchten stehen Terrassen, teils mit 85 Prozent Neigung. Angelegt haben sie die Römer, weil der Fluss den Transport übernahm. Wer heute dort arbeitet, arbeitet auf ihren Mauern weiter.
Die D.O. teilt sich in fünf Unterzonen: Amandi, Chantada, Quiroga-Bibei, Ribeiras do Miño und Ribeiras do Sil. Amandi mit seinen nach Süden und Osten gerichteten Sil-Hängen gilt als die stärkste. Chantada und die Miño-Zonen bekommen mehr Atlantik ab, mehr Regen und mehr Granit. Quiroga-Bibei ist am kontinentalsten, dort dominieren Schiefer und Quarzit.

Der Sil, von oben. Jede grüne Stufe an diesen Hängen ist Handarbeit.
Zwei Zahlen, die das Problem erklären
Fernando González von Algueira bewirtschaftet rund 25 Hektar. Diese 25 Hektar verteilen sich auf 86 Parzellen.
Diese beiden Zahlen nebeneinander sagen mehr über die Region als jedes Landschaftsfoto. Es gibt hier keine zusammenhängenden Flächen. Es gibt Bänder, Nischen und Absätze, dazwischen Fels und Wald. Jede Parzelle wird einzeln angefahren, einzeln bearbeitet, einzeln gelesen. Und weil kein Traktor hochkommt, hängt an vielen Hängen eine Monorack-Bahn: eine schmale Zahnradschiene, die senkrecht den Hang hinaufläuft und die vollen Kisten hinunterbringt.

Die Monorack-Bahn ist die einzige Maschine, die hier hilft. Sie transportiert, gearbeitet wird trotzdem von Hand.
Gelesen wird in kleine Kisten, weil grosse Behälter niemand tragen könnte und weil die Trauben unten heil ankommen sollen. Der Aufwand pro Flasche ist ein Vielfaches dessen, was eine Ebene kostet. Das ist der Grund, warum diese Weine nicht drei Franken kosten können, und der Grund, warum die Region jahrzehntelang fast aufgegeben worden wäre.
Drei Winzer, drei Zugänge
Algueira ist der Pionierbetrieb. Fernando pflanzte 1979 seine erste Parzelle, «Carballo Cobo», auf verwildertem Land aus der Familie seiner Frau Ana. Damals war die Ribeira Sacra keine Marke, sondern ein Landstrich, aus dem die Leute wegzogen. Heute arbeitet die Bodega mit einem Gravitationssystem statt Pumpen, damit der Most nicht mechanisch gequält wird.
Guímaro heisst auf Galicisch «Rebell». Der Name war der Übername von Pedro Rodríguez' Grossvater. Pedro übernahm 2001, bewirtschaftet acht eigene Hektar und kauft zusätzlich Trauben von Nachbarn, die er über Jahre zu nachhaltigerer Arbeit gebracht hat. Er vergärt mit ganzen Trauben und arbeitet mit Raúl Pérez zusammen. 2024 kürte James Suckling seinen «Meixemán» zum besten Wein Spaniens.
Ronsel do Sil ist das Projekt von María José Yravedra, einer der ersten Winzerinnen Spaniens. Sie und ihr Mann Felipe, Önologin und Architekt, haben 2010 eine alte Bodega wieder aufgebaut und sie so konstruiert, dass der Wein ausschliesslich per Schwerkraft bewegt wird. Zehn Hektar, alles von Hand. Im Weinberg grasen Schafe, kompostiert wird mit Ginster.

Lese am Felsband. Wer hier eine Kiste füllt, hat sich vorher überlegt, wie er wieder runterkommt.
Was davon im Glas ankommt
Der Schiefer speichert Wärme und leitet Wasser ab, der Atlantik hält die Nächte kühl. Diese Kombination gibt Weinen mit reifer Frucht und trotzdem hoher Säure.
Mencía ist die Hauptsorte. Aus der Ribeira Sacra kommt sie straffer als aus dem Bierzo: dunkle Kirsche, Veilchen, nasse Erde, eine Spitze, die an Salz erinnert. Godello daneben hat Körper und eine Säure, die mehr nach Atlantik schmeckt als nach spanischer Sonne.
Interessanter wird es bei den Sorten, die fast verschwunden waren und die hier wieder stehen: Merenzao, in Frankreich als Trousseau bekannt, hell und feingliedrig. Brancellao, tiefes Purpur, Veilchen, Mandelblüte. Caiño mit hoher Säure und straffem Tannin. Sousón, fast schwarz und kompromisslos sauer.
Diese vier findest du praktisch nirgends ausserhalb Galiciens. Dass sie überhaupt noch existieren, liegt an Betrieben wie diesen dreien.
Wenn du anfangen willst
Nimm eine Mencía aus der Ribeira Sacra und stell sie neben eine aus dem Bierzo. Gleiche Traube, zwei Handschriften, und du merkst innerhalb von zwei Schlucken, was die Terrassen mit dem Wein machen.
Wenn dich die Region als Ganzes interessiert, steht sie zusammen mit den anderen spanischen Regionen unseres Sortiments im Überblick über Spanien jenseits von Rioja.