Weinleser trägt eine Kiste Trauben einen Steilhang der Ribeira Sacra hinauf, unten der Rio Sil

Ribeira Sacra: Was heroischer Weinbau wirklich heisst

Caroline Francotte · · 5 Min. Lesezeit

In der Ribeira Sacra fährt kein Traktor. Die Reben stehen auf Mauern, die vor rund zweitausend Jahren in die Wände zweier Flussschluchten gesetzt wurden, und jede Traube kommt in einer Kiste nach unten, die jemand getragen oder auf eine Schiene gestellt hat.

Dafür gibt es einen Fachbegriff: heroischer Weinbau. CERVIM, ein Forschungszentrum für Bergweinbau, zählt dazu Hänge mit mehr als 30 Prozent Neigung, Lagen über 500 Metern, Terrassen und Weinbau auf kleinen Inseln. In der Ribeira Sacra kommt an vielen Hängen mehreres davon zusammen.

Über die Traube, die hier den Ton angibt, gibt es bei uns eine eigene Story: Mencía, Spaniens eleganteste Unbekannte. Hier geht es um den Ort. Um die Hänge, die Flüsse, die Arbeit, und darum, was davon in der Flasche landet.

Ein Canyon, in den jemand Reben gepflanzt hat

Die Ribeira Sacra liegt im Süden Galiciens, dort, wo sich Sil und Miño tief in den Fels geschnitten haben. An den Wänden stehen Terrassen mit bis zu 85 Prozent Neigung. Viele davon gehen auf die Römer zurück. Wer heute dort arbeitet, arbeitet auf ihren Mauern weiter.

Wie steil das konkret ist, zeigen die Zahlen unserer Weine. Der Dona Branca von Ronsel do Sil wächst auf 600 Metern an einem Hang mit 60 Prozent Neigung. Algueiras Homenaje kommt von 50 Jahre alten Reben, ebenfalls auf 60 Prozent Hang. Unsere Weine von dort wachsen zwischen 350 und 650 Metern.

Terrassierte Weinberge über dem Rio Sil in der Ribeira Sacra mit alter Steinhütte

Terrassen über dem Sil, mit einer alten Steinhütte.

Fünf Unterzonen, zwei Flüsse

Die D.O. teilt sich in fünf Unterzonen: Amandi, Chantada, Quiroga-Bibei, Ribeiras do Miño und Ribeiras do Sil. Amandi mit seinen nach Süden und Osten gerichteten Sil-Hängen gilt als die stärkste. Chantada und die Miño-Seite bekommen mehr Atlantik ab, mehr Regen, mehr Granit. Quiroga-Bibei ist am kontinentalsten, dort prägen Schiefer und Quarzit.

Unsere Güter verteilen sich über genau diese Karte. Guímaro und Algueira sitzen beide in der Gemeinde Sober, Guímaro mitten im Amandi. Ronsel do Sil hat Reben an den Sil-Hängen und im Tal des Bibei. Die Bodega selbst liegt ganz unten am Fluss und schaut hinüber auf die Weinberge von Amandi.

Wie viel der Fluss ausmacht, kannst du selbst nachprüfen. Pedro Rodríguez von Guímaro keltert Weine aus Parzellen, die nah beieinander liegen und trotzdem verschieden schmecken, weil der Sil einen Wein anders prägt als der Miño. Sein San Pedro kommt von über 65 Jahre alten Reben am Sil, auf Schiefer mit Eisen und Quarz. Sein Mundín kommt von Parzellen am Miño, auf tiefem Granit. Beide sind Jahrgang 2021, beide rund 80 Prozent Mencía, beide 18 Monate im 3'000-Liter-Fuder gereift. Der San Pedro ist der vollere, mit lebendiger Säure. Der Mundín ist seidiger und endet erdig. Weil der Keller derselbe ist, bleibt als Unterschied der Ort.

25 Hektar, 86 Parzellen

Fernando González von Algueira bewirtschaftet rund 25 Hektar. Sie verteilen sich auf 86 Parzellen. Zusammenhängende Flächen gibt es hier nicht, nur Bänder, Nischen und Absätze, dazwischen Fels und Wald. Jede Parzelle wird einzeln erreicht, einzeln bearbeitet, einzeln gelesen.

Weil kein Traktor hochkommt, hängt an vielen Hängen eine Monorack-Bahn, eine schmale Zahnradschiene, die steil den Hang hinaufläuft und die vollen Kisten nach unten bringt. Mehr Maschine gibt es nicht. Den Boden unter den über 85 Jahre alten Buschreben des Dona Branca bearbeitet Ronsel do Sil von Hand. Zwischen den Reben grasen Schafe, kompostiert wird mit Ginster.

Monorack-Schienenbahn führt steil den Hang eines Weinbergs hinauf, daneben trägt ein Arbeiter eine Traubenkiste hinauf

Eine Monorack-Bahn führt steil den Hang hinauf, daneben trägt ein Arbeiter eine Traubenkiste.

Bei Ronsel do Sil wird in Kisten mit 15 bis 20 Kilo gelesen. Grössere Behälter könnte hier niemand tragen, und die Trauben sollen unten heil ankommen. Die Erträge bleiben klein: 3'500 Kilo pro Hektar beim Caiño Al Pie del Cañón, 4'000 beim Dona Branca. Der Aufwand pro Flasche ist ein Vielfaches dessen, was eine Ebene kostet. Darum kosten diese Weine nicht drei Franken, und darum wurde die Region jahrzehntelang beinahe aufgegeben.

Winzerin erntet Trauben auf einem schmalen Felsband hoch über dem Fluss in der Ribeira Sacra

Lese auf einem schmalen Felsband hoch über dem Fluss.

Was davon im Glas ankommt

Der Schiefer speichert Wärme und leitet Wasser ab, der Atlantik hält die Nächte kühl. Daraus kommen Weine mit reifer Frucht und trotzdem hoher Säure. Bei den Roten kennst du das aus der Mencía-Story. Weniger bekannt ist, was dieselben Hänge mit weissen Trauben machen.

Wir finden die Weissweine der Ribeira Sacra unterschätzt. Godello bringt Körper und eine Säure, die mehr nach Atlantik schmeckt als nach spanischer Sonne. Guímaros Blanco folgt der alten Art der Region, Weisse aus mehreren Sorten zu mischen: Godello mit Treixadura, Albariño, Torrontés und Loureira, aus Lagen in und um Amandi. Und dann gibt es Dona Branca. In der ganzen D.O. werden davon im Jahr nur rund 5'800 Kilo geerntet. Ronsel do Sil füllt daraus 1'450 Flaschen ab.

Was fast verschwunden war

Die zweite Entdeckung sind rote Sorten, die ausserhalb Galiciens kaum jemand anbaut. Merenzao, in Frankreich als Trousseau bekannt, gibt helle, feine Weine, im Alpendre von Ronsel do Sil mit Schlehe, Rosen und rosa Pfeffer. Brancellao, auch Albarello genannt, riecht im Pórtico da Gloria nach Sauerkirsche. Caiño bringt Rauch und Lakritz, dazu eine Säure, die den Wein aufrecht hält. Sousón steht meist im Verschnitt, bei Algueira im Fincas zusammen mit Caiño.

Dass es diese Sorten noch gibt, liegt an Betrieben wie diesen. Ronsel do Sil keltert Merenzao, Brancellao und Caiño jeweils sortenrein, in Auflagen zwischen 650 und 1'400 Flaschen. Mit dem Mundín ehrt Guímaro die colleiteiros, die Traubenbauern, die viel dazu beigetragen haben, dass diese Sorten erhalten blieben.

Die alten Sorten

Ganz Galicien

Nicht alles steht auf dem Etikett

Ein Wein aus der Ribeira Sacra muss nicht «Ribeira Sacra» heissen. Carlos Carballo arbeitet in A Pobra do Brollón, mitten in der Region, und füllt seine Weine bewusst ausserhalb der DO-Regeln ab. Sein Viña Aurita Tinto wächst an steilen Hängen entlang des Sil-Canyons, von manchen seiner Weine gibt es nur ein paar Hundert Flaschen. Mehr über ihn und seinen Vater Patao steht in der Mencía-Story.

Wenn du anfangen willst

Nimm den Muller Cepa von Ronsel do Sil. Er kommt von Schieferhängen im Tal des Bibei, auf 650 Metern und mit mehr als 50 Prozent Neigung, gelesen in 20-Kilo-Kisten. Vom Jahrgang 2022 gibt es 1'000 Flaschen, vergoren in einem einzigen 2'500-Liter-Fass aus französischer Eiche.

Für die Rebsorte selbst lies die Mencía-Story, für das ganze Galicien unseren Galicien-Beitrag, für die anderen spanischen Regionen im Sortiment den Überblick über Spanien jenseits von Rioja. Die Winzer:innen stellen wir auf eigenen Seiten vor: Algueira, Guímaro, Ronsel do Sil und Carlos Carballo.

Mehr Weine aus Spanien jenseits von Rioja findest du auf unserer Seite Spanische Weine.

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