Warum kleine Produzenten besser sind

Produzenten-Guide

Drei Konzerne machen rund die Hälfte des Weltweinhandels. Bei uns landet keiner davon im Sortiment.

Wir kaufen Wein bei Familien, bei Kollektiven, bei Einzelpersonen, die ihre Reben selbst bewirtschaften. Manchmal sind das vier Hektar in den Bergen, manchmal dreissig in einem Tal. Was sie verbindet: Der Mensch, der den Wein macht, kennt jeden Rebstock. Und der Wein im Glas hat damit zu tun.

Kleine Bodega mit Weinfässern und handwerklicher Atmosphäre
In der Bodega. Wo die Person, die den Wein macht, jede Rebe kennt.

Was Industriewein ist, und warum er anders schmeckt

Grosse Kellereien kaufen Trauben aus mehreren Regionen, mischen sie zu einem konstanten Profil, korrigieren Säure, Aroma und Tannin im Keller. Das Ergebnis ist technisch sauber. Es ist jahrgangsübergreifend konsistent. Es schmeckt überall auf der Welt gleich. Das ist der Sinn der Sache. Eine Marke darf nicht überraschen.

Kleine Produzenten arbeiten andersrum. Sie haben ihre Parzelle, oft seit Generationen, mit eigenem Boden, eigenem Mikroklima, alten Reben. Was im Glas landet, ist ein Ausschnitt dieses Ortes in diesem Jahr. Manchmal regnerisch und elegant, manchmal heiss und kompakt. Wer einen Wein vom selben Winzer über zehn Jahre trinkt, schmeckt das Wetter mit.

Industriewein schmeckt nach einer Marke. Handwerklicher Wein schmeckt nach einem Ort.

Vier Gründe, warum das einen Unterschied macht

Sie kennen ihre Reben

Ein Winzer mit drei Hektar geht jeden Rebstock zwei- bis dreimal pro Saison durch. Er sieht, welche Lage zuerst reif ist, welche Reben kränkeln, wo der Boden austrocknet. Diese Information geht in einer Industrie-Bodega verloren, sobald Trauben aus dreissig Lagen in denselben Tank kommen.

Die Erträge sind klein

Eine Rebe, die nur fünf Trauben tragen darf, gibt diesen Trauben mehr Konzentration. Industrielle Produzenten brauchen Volumen, also wird die Rebe gezwungen, fünfzehn Trauben zu produzieren. Das schmeckst du.

Sie greifen weniger ein

Spontangärung mit den eigenen Hefen aus dem Weinberg. Wenig oder kein neues Holz. Minimaler Schwefel. Keine Schönung, keine Filtration. Das verlangt Mut, weil so manches schiefgehen kann. Wenn es funktioniert, hat der Wein eine Lebendigkeit, die ein technisch korrigierter nie hat.

Sie haben eine Meinung

Industriekellereien folgen Marktforschung. Kleine Produzent:innen folgen ihrer Überzeugung. Im Glas merkst du, wofür sie stehen.

Weinberge eines kleinen Produzenten, nachhaltige Landwirtschaft im kleinen Massstab
Vier Hektar in den Bergen können ein Geschäftsmodell sein.

Vier unserer Produzent:innen, die das jeden Tag leben

Adega Algueira, Ribeira Sacra

Fernando González bewirtschaftet Terrassen mit bis zu 85 Prozent Neigung über dem Rio Sil. Maschinen haben dort keine Chance, alles passiert von Hand, teils mit Seilsicherung. Die Erträge pro Hektar sind winzig, die Arbeit brutal. Dafür schmeckst du im Glas den Schiefer der Terrasse: Mencía mit dunklen Früchten und einer fast salzigen Mineralität, Godello mit einer Säure, die mehr Atlantik als Sonne ist.

Coto de Gomariz, D.O. Ribeiro

Ricardo Carreiro Ameijeiras, von allen Caco genannt, baute Coto de Gomariz in den 1970er-Jahren wieder auf, als er nach Jahren in Südamerika zurück nach Galicien kam. Er war Mitautor der ersten Statuten der D.O. Ribeiro. Als er 2008 starb, kam Inma Pazos dazu und führt seither das Weingut, das im Familienbesitz der Carreiros bleibt. Inma arbeitet biodynamisch, mit Spontangärung und Experimenten in Tonamphoren und ungewöhnlichen Gefässen. Sie ist Önologin und Chemikerin und hat in einigen der besten Bodegas Spaniens gearbeitet, bevor sie nach Gomariz kam.

Sangarida, Bierzo

Sangarida ist das Projekt der nächsten Generation der Familie Fariña aus Rías Baixas, die dort die Bodega Attis führt. 2019 sind sie zusammen mit dem Önologen Jean-François Hébrard in den Bierzo gegangen und arbeiten dort mit fünfzigjährigen Mencía-Reben an den Hängen der Montes Aquilianos, bis auf 2’100 Meter Höhe. Spontangärung, biologisch bewirtschaftet, Ausbau auf Feinhefe. Die Mencía hat mehr Frucht als die aus der Ribeira Sacra, weniger Strenge, aber dieselbe Klarheit. Daneben machen sie auch Godello und Doña Blanca, zwei autochthone Weissweinsorten der Region.

Aldier, Sent im Engadin

Wir führen nicht nur Wein. Aldier macht Vermouth in 1’440 Metern Höhe im Unterengadin. Carlos Gross, Hotelier in Sent, begann 2018 in einem alten Bankgebäude seinen eigenen Wermut nach einem selbst entwickelten Rezept zu produzieren. Nach seinem Tod führen seine Söhne Gian und Nico das Geschäft weiter. Botanicals aus den Engadiner Bergen, zwei Varianten (Bianco und Rosso), kleine Chargen. Schweizer Alpenwermut, der mehr mit den Bergen rundherum zu tun hat als mit italienischer Tradition.

Auch die anderen machen es richtig

Wir sind nicht die einzigen, die kleine Produzent:innen kuratieren. Envinate (vier Önolog:innen, die sich an der Uni in Alicante kennenlernten und seit 2008 zusammen Wein machen, von der Ribeira Sacra über Teneriffa bis nach Almansa) oder Nanclares y Prieto in den Rías Baixas (Alberto Nanclares baute 1997 in seiner Garage in Cambados an, seit 2015 mit Silvia Prieto als Partnerin) zeigen, dass die Bewegung breiter ist als ein Verkaufsargument. Wenn du diese Namen siehst, in welchem Sortiment auch immer, weisst du, dass jemand hingesehen hat.

Wie wir auswählen

Drei Kriterien. Mehr nicht, weniger auch nicht.

  1. Der Wein schmeckt nach seinem Ort. Wenn wir aus dem Glas nicht sagen können, dass er aus Galicien kommt und nicht aus La Mancha, kommt er nicht ins Sortiment.
  2. Der Produzent macht alles selbst. Vom Rebschnitt bis zur Etikette. Zukauf-Trauben sind die Ausnahme, nicht die Regel.
  3. Wir kennen die Person. Wir waren auf der Bodega, haben mit ihr gegessen, haben gesehen, wie sie arbeitet. Anders kaufen wir nicht ein.

Was du davon hast

Du trinkst Wein, der jedes Mal anders sein kann. Das ist gewöhnungsbedürftig, wenn du an Markenkonsistenz gewöhnt bist. Aber es ist auch der Grund, warum manche Flaschen dich noch Tage später beschäftigen.

Und du unterstützt eine Weinwelt, in der vier Hektar in den Bergen ein Geschäftsmodell sein dürfen.

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