Die neue Weinkultur

Weinkultur-Guide

Naturwein ist kein geschützter Begriff. Jeder darf ihn benutzen, niemand muss etwas belegen. Das ist der Grund, warum darüber so viel Unsinn geschrieben wird, und der Grund für diesen Text.

Begrünte Rebzeilen mit Kräutern und Wildpflanzen zwischen den Reben
Begrünung zwischen den Rebzeilen. Was hier wächst, arbeitet für den Boden.

Was Naturwein heisst, und was nicht

Der Kern ist eine einfache Idee: so wenig eingreifen wie möglich, im Weinberg und im Keller. Konkret heisst das draussen kein Kunstdünger, keine Herbizide, keine synthetischen Pestizide. Drinnen Spontangärung mit den Hefen, die auf den Trauben sitzen, keine Zuchthefen, keine Säurekorrektur, keine Schönung, wenig oder gar kein Schwefel.

Was dabei herauskommt, kann trüb sein und Aromen zeigen, die du nicht erwartest. Manchmal ist das grossartig. Manchmal ist es einfach fehlerhaft.

Wir sagen das deutlich, weil es oft anders erzählt wird: Naturwein ist nicht automatisch guter Wein. Wir trinken viel davon und schütten regelmässig etwas weg. Was bei uns im Sortiment landet, hat den Test bestanden.

Orange Wine

Weisse Trauben wie rote vinifiziert, also mit den Schalen im Most statt ohne. Die Methode kommt aus Georgien und ist ein paar tausend Jahre alt. Neu ist nur, dass wir in Mitteleuropa wieder darüber reden.

Die Schalen geben Farbe ab, von hellem Gold bis Bernstein, dazu Tannin und eine Aromatik, die bei Weisswein sonst nicht vorkommt: getrocknete Aprikose, Nuss, Kräuter, manchmal etwas, das an schwarzen Tee erinnert. Das sind Weissweine mit dem Körper eines Rotweins, und sie passen zu Essen, mit dem normaler Weisswein überfordert wäre.

Wir führen davon eine kleine Auswahl. Attis macht die Sitta Maceración und die Doliola, Coto de Gomariz die Paxaradas, Verónica Romero den Muda aus der Tardana. Viel ist das nicht, und das ist Absicht.

Pét-Nat und die andere Art, Blasen zu machen

Pétillant Naturel ist die älteste Methode für Schaumwein: Der Wein kommt in die Flasche, bevor die erste Gärung fertig ist, und gärt dort zu Ende. Keine zweite Gärung, keine Dosage, kein Zucker. Was passiert, passiert.

Das Ergebnis ist meistens leicht trüb, immer lebendig und selten zweimal gleich. Ehrlich gesagt haben wir aktuell keinen im Sortiment, der uns überzeugt hat. Was wir an Schaumwein führen, ist klassische Flaschengärung von Pago de Tharsys, Vera de Estenas und Can Rafols. Andere Methode, gleiche Haltung.

Arbeit im Keller einer kleinen Bodega
Im Keller entscheidet sich, wie viel vom Weinberg im Glas ankommt.

Biodynamik, ohne Weihrauch

Bio verzichtet auf synthetische Chemie. Biodynamik geht weiter und arbeitet zusätzlich mit Präparaten aus Kräutern und Mineralien sowie mit Mondphasen und Kalendern.

Ein Teil davon lässt sich erklären, ein Teil nicht. Wir halten uns an das, was wir sehen: Inma Pazos führt Coto de Gomariz im Ribeiro biodynamisch, mit Spontangärung und Versuchen in Tonamphoren. Ihre Weine sind präziser geworden. Ob das an den Präparaten liegt oder an der Aufmerksamkeit, die dieses Arbeiten erzwingt, können wir nicht sagen. Der Unterschied im Glas ist trotzdem da.

Permakultur im Weinberg

Zwischen den Rebzeilen wachsen Kräuter, Wildblumen und Leguminosen. Die bringen Stickstoff in den Boden und ziehen Nützlinge an. Hecken und Bäume geben Vögeln und Insekten Lebensraum, die wiederum Schädlinge kurz halten. Schafe halten das Gras kurz und düngen nebenbei.

Der Punkt daran ist nicht Romantik, sondern Widerstandsfähigkeit. Ein Weinberg mit funktionierendem Umfeld steckt Trockenheit und Extremwetter besser weg als eine Monokultur. Bei zunehmend unberechenbaren Sommern ist das ein handfester Vorteil.

Algueira in der Ribeira Sacra arbeitet in einer Landschaft, die das ohnehin mitbringt: steile Terrassen, dazwischen Wald, unten der Fluss. Da muss niemand Biodiversität herstellen, sie ist schon da.

Was drinsteht, steht jetzt drauf

Lange musste Wein als einziges Lebensmittel weder Zutaten noch Nährwerte deklarieren. Nur Alkoholgehalt und Allergene. Das hat sich geändert: Seit dem 8. Dezember 2023 verlangt die EU für Wein eine Zutatenliste und eine Nährwertdeklaration. Der Energiewert muss aufs Etikett, der Rest darf über QR-Code laufen, Allergene bleiben in jedem Fall sichtbar auf der Flasche.

Für dich heisst das: Bei einer Flasche aus der EU kannst du inzwischen nachlesen, was verwendet wurde. Scann den Code beim nächsten Mal. Der Unterschied zwischen einer Zutatenliste mit drei Einträgen und einer mit fünfzehn erklärt einiges.

Barriquekeller mit Holzfässern bei Pago de Tharsys
Der Barriquekeller von Pago de Tharsys. Holz ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck.

Wo wir stehen

Wir glauben nicht an Dogmen. Nicht jeder Wein bei uns ist Naturwein im strengen Sinn, und wir haben kein Interesse daran, so zu tun.

Was für uns zählt, ist ob jemand seinen Boden ernst nimmt, seine Sorten kennt und bereit ist, für weniger Ertrag mehr zu arbeiten. Ob dann ein Demeter-Logo auf der Flasche klebt, ist uns egal. Zertifizierung kostet Geld, das bei einem Betrieb mit vier Hektar besser im Weinberg liegt.

Wenn du einsteigen willst

Fang nicht mit dem radikalsten Wein an, den du findest. Nimm einen Godello von einem Winzer, der spontan vergärt, aber sauber arbeitet. Wenn dir das schmeckt, geh eine Stufe weiter zur Maceración von Attis. Und wenn dir die auch gefällt, reden wir weiter.

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